Texte sind nüchtern

gegenüber der Atmosphäre des Neumarkts während der echten Pflasterlyrik-Aktion. Manche der Gedichte waren auch vorher schon publik; andere wurden extra für die Veranstaltung ersonnen; aber allen Autorinnen und Autoren war während der Aktion anzumerken, dass ihnen diese spezielle Aktion nicht nur Mühe, sondern vor Allem auch viel Freude bereitete.

Hier präsentieren wir die echten Texte der Pflasterlyrik Gelsenkirchen 2016, allerdings ohne die grafische Gestaltung, die die jeweiligen AutorInnen gewählt haben, hier angemessen umsetzen zu können.
Für eine atmosphärisch anmutende Präsentation des Geschriebenen ‘wie vom Aktionstag’, können unter den Bedingungen dieser Domain nur die Bilder herangezogen werden, viel Vergnügen
(in alphabetischer Reihenfolge der AutorInnen)

 

Wunder

Glaube an Wunder
Liebe und Glück.

Schaue nach vorne
und nicht zurück.

Tu was du willst
und steh dazu.

Denn Dein Leben
lebst nur Du.

Kreide blau abgerieben b nst 32 Jenny Canales, aus: “Schatten der Nacht”

 

Liebesbrief an Gelsenkirchen

Wir waren mal die Stadt der 1000 Feuer,
wohnen war bei uns noch niemals teuer.
wir sind doch viel mehr als Schalke,
auch wenn ich immer fest zu ihnen halte.
Wir sind auch ganz tiiief im Weeesten,
wir hier in GE sind halt doch die Besten.
Wir sind rot und wir sind grau,
wenn bei uns im Kleingarten die Rosen blühen.
Wir sind Multikulti und wir machen in Solar,
wir sind zwar arbeitslos, is schon klar.
Dafür schützen wir Landschaft und Natur,
und Ernst Kuzorra ist unsere Reinkultur.
Am 1. Mai, da gibt’s bei uns Protest,
wir stehen zusammen, wir stehen fest.
Kollegen zischen hier ein Bierchen,
Du bist und bleibst mein Gelsenkirchen.
Wir sind doch viel mehr als Schalke,
ein Ort an dem ich fest halte.
Weil ich dich nicht vergessen kann,
nicht jetzt, nicht irgendwann.

Kreide blau abgerieben b nst 32 Angelika Christiani

 

Altersarmut

Große Sprünge haben wir nie gemacht
dafür an ein sorgenfreies Alter gedacht.
Doch der harten Arbeit Lohn
war dann eher der blanke Hohn.
Als man uns zu Rentnern machte
war alles anders als man dachte.
Es war nicht unser Bestreben
im Alter aus Mülleimern zu leben.

Kreide blau abgerieben b nst 32 Josef Ciesielski

 

Ich habe mich
gefreut über Gott,
dass er mir die Kraft
gegeben hat
Miteinander gesund bleiben

Kreide blau abgerieben b nst 32 Katjuscha Fargnoli

 

Nahverkehr

Rotes Haar verschmilzt
mit dem Rot der S-Bahntür
unwirklich, unecht.

Zwei müde Mäntel
ineinander verflochten,
ein Knopf hängt schief.

Sie krault seine Arm
mit schlanken weißen Fingern,
Nägel schwarz lackiert.

Gleiten über Schwarz
mechanisch rauf, runter
fast wie ein Uhrwerk.

Man ahnt das Reiben
auf dunklem, derbem Stoff.
Gleise schlucken Töne.

Der Daumen seiner Hand
berührt kaum wahrnehmbar
ihren Nacken.

Ich spüre, wie
winzige Härchen ihrer Haut
sich aufrichten.

Ein silbriger Ohrring
schaukelt im Rhythmus der Bahn-
Gesicht an Gesicht.

Im überfüllten Zug
ein Stehplatz der Zweisamkeit
auf zugigem Gang.

Kreide blau abgerieben b nst 32 Gabriele Franke, aus: „Blaues Lachen bleibt

 

ROSEN IN GELSENKIRCHEN

WEIßT DU,
DASS diese STAUBIGE STADT
IN IHREM HERZEN
KASKADEN von DUFTENDEN ROSEN HAT?
DU KANNST SIE FINDEN
ZWISCHEN ASPHALT UND GLEISEN.
SIE RANKEN HOCH
AN MASTEN, LATERNEN UND EISEN:
SIE BLÜHEN IM MÜLL;
AUCH AN SCHMUTZIGEN ECKEN:
DU KANNST SIE ÜBERALL entdecken.
MIT IHREN FARBEN
übertönen sie das STÄDTISCHE GRAU
SIE WINKEN DIR ZU, STEHST DU wieder im STAU.

Kreide blau abgerieben b nst 32 Gisela Fremerey

 

Auch gut
betuchten Mitmenschen
fällt es oft schwer
ihre fröstelnde Seele
warmzuhalten

Kreide blau abgerieben b nst 32 Elke Holland

 

Miteinander

(Herzlich) Willkommen
Miteinander
ist besser als Alleinsein
Sorgen + Probleme werden durch
Gemeinsamkeit – Nichtig + Klein
Miteinander heisst aber auch
Rücksicht lernen – Nur so kann Angst im
Hier + Jetzt – bewältigt werden.
Etwas mehr
Miteinander – kein Gegeneinander
bringt ZUEINANDER
weicht dem AUSEINANDER
Miteinander zum
NEUSTART bereit …
Umdenken und Handeln bringt uns
ALLEN eine friedvolle ZEIT

Kreide blau abgerieben b nst 32 Brigitte Köster

 

Die kleinen Dinge
 des Lebens
werden zwar nicht
 Größer -
 ABER immer
 WICHTIGER

Kreide blau abgerieben b nst 32 Ute Majewski

 

Zeit

Es schleift auf dem Boden,
wie ein Pfeil mitten ins Herz,
und immer mehr schmerzt die Berührung,
doch zuletzt fällt das Ziel auseinander.
Das Wasser spült die Löcher kahl,
das Gesicht zerfällt,
und es gerinnt die Zeit
Weil die Uhr zu langsam geht.
Die Zeit schleift an der Maske,
die Jahreszeiten drehen sich im Kreis,
und das Blut wandert beständig,
nur der Gedanke bleibt stehen

Kreide blau abgerieben b nst 32 Hajnalka Peterfy:

 

Wir sitzen alle in einem Boot.
Jeder hat ein Paddel in der Hand
und ist verantwortlich für alle,
die im Boot sitzen.
Unser Boot ist die Erde!

Kreide blau abgerieben b nst 32 Ulrike Pietrzak

 

Wir spielen dasselbe Spiel -
wir spielen gegeneinander
Wir spielen dasselbe Spiel -
wir spielen miteinander
Was ist der Unterschied?
Wenn wir miteinander spielen
gibt es keine Gewinner
oder Verlierer!

Kreide blau abgerieben b nst 32 Volker Pietrzak:

 

Migration

Mein Herz will nach Paris
Die Leber zieht nach Köln
Die Lunge geht gen Bielefeld
Nur ein paar Brösel
Hirn bleiben auf der
Kurt Schuster in
Gelsenkirchen

Kreide blau abgerieben b nst 32 Ingo Schendel

 

Aber Ihr wusstet doch …

Der Weg geebnet für Ihren
Krieg, unsere Zwietracht ist
Die Wahrheit unser höchstes Gut,
als erstes fällt.
Durch Ihre List und unseren
geraubten Mut!
Der Brandherde so viel,
die Ohnmacht steigt,
Gleichgültigkeit sich dem
ENDE neigt.
Mama, warum denn nur
habt ihr nichts getan?
Aber ihr wusstet doch …

Kreide blau abgerieben b nst 32 Bernd Schreiner

 

Schlafloses Gift

Nachts im Krankenhaus -
Krebsstation
Die Chemie rinnt durch die Schläuche.
Zombies beten um Errettung
… hoffen.
Die Chemie rinnt durch die Schläuche.
Neue Zombies treffen ein und
beten um Errettung
… hoffen.
Die Alten werden verscharrt.
Nachts im Krankenhaus –
Krebsstation
Die Chemie rinnt durch die Schläuche.

Kreide blau abgerieben b nst 32 Brigitte Schweingruber:

 

Pling

Alles ist farbig
so hüpft das Gelb aufs Weiß
Hier  leuchtet es schön warm und hell
TATÜ TATA TATÜ TATA TATÜ TATA
Mit lautem Getöse kommt’s ROT blitzschnell
Macht sich breit – doch das GELB ist schlau
verzaubert blutrünstiges in sanftmütige
Umarmung. Streicheln, spielen – ORANGE wunderbar
DRIPP DROPP DRIPP DROPP DRIPP DROPP
Etwas Kühles in der Hitze des Augenblicks
beruhigend, tiefsinnig – ganz genau das BLAU
ES bleibt nicht lang allein. ROT ist herrisch
ROT auf BLAU immer mehr STOPP
Nun wird’s königlich und geheimnisvoll
immer wieder flieder; VIOLETT – nett
natürlich mischt auch BLAU + GELB
es grünt so GRÜN – komplett
Tausendmal bunt. Haupt-
GEWINN

Kreide blau abgerieben b nst 32 Anette Stenkamp

 

ß – GT

Es träumte mir in tiefer Nacht
Ein β, oder griechisch »Be«
Imposant und mit ganzer Macht
Gefolgt von großem »Ge« und »Te«.

Hochglänzend, leuchtendchrom liquide
Drehn sich als Logo in 3 - D!
Des Anblicks wurd ich gar nicht müde
Wunderschön erschien mir β - GT!

β - GT flasht durch mein Hirn,
Fasziniert und lässt mich nicht mehr los,
Schon naht Fieber, es brennt die Stirn,
β und GT, ganz riesengroß!

Morgens pocht mein armer Schädel
Was war das für 'ne Traumvision?
β - GT klingt wirklich edel
Ich find es raus, das schaff ich schon!

Bestimmt ein Handy, neustes Modell
Von Samsung, Apple, Huawei?
Bei Google check ich das mal schnell:
β - GT ist leider nicht dabei.

Ein Sportflitzer oder Cabrio?
Bei Ferrari, Porsche, A M G:
Ernten meine Fragen nur »I-wo!«
Grand Touring ja, aber β - GT?

Vielleicht geht's um Gesundheit da
Neue Vitamine oder Nerventee?
Lauf zu Arzt, Apotheker und P T A
Doch niemand erklärt mir β - GT.

Gut, denk global, so sag ich mir
Trendy Kreuzfahrten auf hoher See,
Traumschiffe mit Klang stehen dafür:
Aida, Costa, leider nie: β - GT.

Ich geb es auf, ich komm nicht weiter
β - GT? Weh dem, der danach fragt!
Nur der Passant wird plötzlich heiter,
Wenn er erkennt: »Mann, ist der betaGT!«

Kreide blau abgerieben b nst 32 Georg Stenkamp

 

NEU KOMMT
DIE UNRUHE
DIE STRASSE
HERUNTER
BUNT
DIE REISE
FREI

Kreide blau abgerieben b nst 32 Irmgard Stenkamp:

 

UMGANGSFORMEN ...

EINER MIT
DEM ANDEREN
UND NICHT
UNTEREINANDER
GEGENSEITIG
SONDERN
GEMEINSCHAFTLICH
UND GESCHLOSSEN
GANZ EINFACH
IM PRINZIP

Kreide blau abgerieben b nst 32 Wolfgang Sternkopf

 

Schalke Manie

Als Köttel war die Glückauf Kampfbahn seine Mission
und in den Straßen von Schalke sang er seine Lieder.
Als Vater zog er mit den Kindern los,
den Kleinsten trug er auf seiner Schulter.
Von nun an sangen die Kinder
wieder und wieder im Parkstadion seine Lieder.
Man packt sich an den Haaren, so geht das schon seit Jahren.
Mittlerweile sind die Enkel soweit und nehmen sich
für die Veltins Arena Zeit.
Endlich hat sich der Kreis geschlossen und
und drei Generationen
sind in Schalke verschossen.

Kreide blau abgerieben b nst 32 Ursula Walter

DAS kann passieren, im Trubel der Pflasterlyrik-Aktion wird der Text etwas anders als geplant. Deshalb die Korrektur der Autorin, farblich abgesetzt

 

Das Lyrik-Lab Ruhrgebiet dankt allen Autorinnen und Autoren für die Erlaubnis zur Präsentation im Rahmen der Pflasterlyrik.de und freut sich schon auf weitere Pflasterlyrik-Aktionen.
 

 

Texte 2016

Pflasterlyrik
ein Aktionsfeld des
Lyrik-Lab-Ruhrgebiet

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Kooperationspartner der Pflasterlyrik 2017

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 Referat Kultur

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Jenny Canales

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